Mitten im ersten Bezirk, zwischen Stephansdom und Stadtpark, liegt die Wollzeile – eine Einkaufsstraße geprägt von gewachsenen Familienbetrieben, Handwerk und vielen Spezialgeschäften mit eigener Geschichte.
Im Verein IG Kaufleute Wollzeile engagieren sich rund 40 Betriebe für die Belebung des Grätzls. An der Spitze des Vereins stehen drei Persönlichkeiten aus der Wollzeile selbst: Christina Wolff-Staudigl (Naturparfümerie & Drogerie Staudigl), Eva Mikl (Uhrmachermeister Mikl) und Dr. Tobias Mayer (Buchhandlung Herder).
Wir haben Christina Wolff-Staudigl zum Gespräch über das Projekt Grätzloase in der Wollzeile, Nachbarschaft und gutes Klima im Bezirk getroffen.
Liebe Frau Wolff-Staudigl,
Sie sind engagierte Geschäftsfrau im ersten Bezirk und Obfrau des Vereins IG Kaufleute Wollzeile. Die IG ist seit längerer Zeit Partnerin der Lokalen Agenda 21 Wien, unter anderem durch die Grätzloase in der Wollzeile. Umso mehr freut es uns, dass der Verein Wollzeile nun auch Teil der Initiative „Wir schaffen gutes Klima“ in der Inneren Stadt ist.
Was bedeutet „gutes Klima“ für Sie persönlich, hier in der Wollzeile und im ersten Bezirk?
Gutes Klima heißt für mich zweierlei: natürlich weniger Hitze, mehr Grün und mehr Orte, an denen man kurz durchatmen kann. Aber genauso wichtig ist das menschliche Klima. Eine Straße funktioniert dann gut, wenn man sich kennt, grüßt, ins Gespräch kommt und nicht nur aneinander vorbeiläuft.
Sie haben sich für die Grätzloase in der Wollzeile eingesetzt. Wie ist die Idee entstanden?
Die Idee war eigentlich sehr naheliegend: Die Wollzeile ist wunderschön, lebendig und voller Geschichte, aber gerade deshalb braucht sie auch kleine Orte der Ruhe. Einen Platz, an dem man kurz sitzen, schauen, plaudern und einfach da sein kann. Genau so ein konsumfreier Ort im Freien hat uns gefehlt.Seit wann gibt es sie, und wie wird sie heute genutzt?
Die Grätzeloase ist seit 2022 Teil der Wollzeile. Heute wird sie so genutzt, wie man sich das wünscht: nicht spektakulär, sondern ganz selbstverständlich. Menschen setzen sich hin, machen eine kurze Pause, plaudern, schmökern im Büchertauschplatz oder nehmen die Straße plötzlich wieder bewusster wahr.Was beobachten Sie im Alltag: Wie wird dieser Ort von Bewohner:innen und Besucher:innen angenommen?
Sehr natürlich. Und das ist eigentlich das schönste Kompliment. Die Leute nehmen ihn nicht als „Projekt“ wahr, sondern als etwas, das einfach da sein soll.Die Initiative „Wir schaffen gutes Klima“ holt engagierte Betriebe vor den Vorhang. Was gibt es auf der Wollzeile, das aus Ihrer Sicht besonders zu einem guten Klima beiträgt?
Familienbetriebe und das Wissen, das wir gemeinsam stark sind und Schönes schaffen können. Es gibt auf der Wollzeile gewachsene Betriebe, Fachwissen, Handschlagqualität und das ehrliche Interesse, dass diese Straße lebendig bleibt. Gutes Klima entsteht nicht nur durch Begrünung, sondern auch dadurch, dass man Verantwortung für sein Umfeld übernimmt. Und sowas schaffen wir nur gemeinsam!Wie erleben Sie den Austausch mit den Bewohner:innen im Alltag?
Oft ganz unkompliziert. Im Geschäft, auf der Straße, zwischen Tür und Angel. Da geht es selten um große Programme, sondern um kleine, ehrliche Gespräche. Was fehlt, was tut gut, was stört, was wünschen sich die Leute? Wenn man wirklich zuhört, bekommt man sehr schnell mit, was ein Viertel braucht.Möchten Sie auch etwas über Ihr eigenes Geschäft erzählen, vielleicht gibt es ja auch eine kleine Idee oder ein Angebot speziell für die Nachbarschaft?
Ich glaube, ein Geschäft kann mehr sein als ein Ort zum Einkaufen. Es kann auch ein Stück Alltag, Verlässlichkeit und Begegnung sein. Uns ist wichtig, dass Menschen hereinkommen können, sich wohlfühlen, gute Beratung bekommen und merken: Hier ist man nicht irgendeine Nummer, sondern wirklich willkommen.Der erste Bezirk ist stark vom Tourismus geprägt. Wie gelingt aus Ihrer Sicht der Austausch mit der lokalen Nachbarschaft?
Indem man sich nicht nur an Frequenz orientiert, sondern an Beziehung. Tourismus gehört zur Innenstadt dazu, natürlich. Aber eine Straße bleibt nur dann lebendig, wenn sie auch für die Menschen funktioniert, die hier leben oder regelmäßig herkommen. Dafür braucht es Orte, Angebote und Gespräche, die nicht nur auf den schnellen Durchlauf ausgerichtet sind.Entstehen persönliche Beziehungen, oder ist das im Alltag schwierig?
Beides. Es ist schwieriger geworden, weil vieles schneller geworden ist. Aber genau deshalb sind persönliche Beziehungen heute noch wertvoller. Und sie entstehen schon, wenn man nicht nur verkauft, sondern wirklich präsent ist. Dann wird aus Laufkundschaft manchmal Stammkundschaft, und aus Stammkundschaft oft echte Verbundenheit.Was ist Ihnen für die Zukunft der Wollzeile besonders wichtig?
Dass sie ihren Charakter behält und trotzdem offen für Neues bleibt. Die Wollzeile muss nicht laut sein, um relevant zu sein. Ihre Stärke ist Persönlichkeit, Qualität und Geschichte. Das sollte man pflegen, nicht glattbügeln. Und auch den Anschluss dürfen wir nicht verlieren. Tradition ist gut und hat Bestand, aber wir sollten auch immer offen und neugierig bleiben. Mit Tradition wird auch unterbewusst oft Stillstand verbunden, da sollten wir aktiv gegenarbeiten.Was wünschen Sie sich für das „gute Klima“ im Grätzl in den kommenden Jahren?
Mehr Grün, mehr Aufenthaltsqualität, mehr Miteinander. Und dass gute Ideen nicht an Zuständigkeiten hängen bleiben, sondern möglich gemacht werden. Wenn Menschen, Betriebe und Bezirk zusammenarbeiten, kann im Kleinen sehr viel entstehen, das im Alltag einen echten Unterschied macht.Vielen Dank für das Gespräch.
