Erinnerung an Herschel Grynszpan und die Novemberpogrome 1938
Vortrag von Evelyn Steinthaler (gekürzte Fassung).
Hermann Grynszpan, genannt Herschel wurde 1921 in Hannover als Sohn des polnisch-jüdischen Ehepaars Ryfrka und Sendel Grynszpan geboren. 1936 verließ er das nationalsozialistische Deutschland, zunächst nach Brüssel, später nach Paris. Dort lebte er isoliert und in ständiger Hoffnung, eines Tages nach Hause zurückkehren zu dürfen. 1938 wurde sein Antrag auf Wiedereinreise endgültig abgelehnt.
Der „Anschluss“ und die Folgen in Österreich
Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 galten auch dort die Nürnberger Rassengesetze. Jüdische Bürger:innen verloren ihre Rechte, ihre Wohnungen und ihre Arbeit. Öffentliche Demütigungen, Enteignungen und Selbstmorde prägten die ersten Wochen. Das Wegschauen der Mehrheit machte die Gewalt möglich – der Antisemitismus wurde alltäglich sichtbar.
Das Attentat als Vorwand für die Pogrome
Am 28. Oktober 1938 wurden rund 15.000 Jüd:innen nach Polen abgeschoben – unter ihnen auch Herschels Familie. Als der 17-Jährige davon erfuhr, erschoss er in Paris den deutschen Botschaftssekretär Ernst vom Rath. Die Nationalsozialisten nutzten die Tat als Vorwand für das, was als „Reichspogromnacht“ oder Novemberpogrome 1938 in die Geschichte einging.
Gewalt, Zerstörung und Gleichgültigkeit
Über 1.300 Menschen wurden ermordet, 30.000 jüdische Männer verhaftet, mehr als 1.000 Synagogen und 7.000 Geschäfte zerstört. Auch in Wien wütete der brutale Terror: 42 Synagogen und Bethäuser brannten, 6.500 Menschen wurden verhaftet, viele in das KZ Dachau deportiert.
In Liesing wurde die Synagoge niedergebrannt und später abgetragen. Zeitzeug:innen berichteten, dass Schulkinder zum Brand geführt wurden – als wäre es eine Schulstunde. Nichts geschah im Verborgenen. Die Menschen sahen, was geschah. Wegzusehen bedeutete, Partei zu ergreifen – für das Regime, gegen die Opfer.
Deportationen und Zwangsarbeit in Wien und Liesing
Ab 1939 fanden die Deportationen vom Aspangbahnhof offen und sichtbar statt.
Später wurden tausende Zwangsarbeiter:innen nach Wien verschleppt – viele aus Osteuropa. Auch in Liesing existierten rund 30 Lager, in denen Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten mussten.
Sie waren sichtbar – auf den Straßen, oft barfuß, gekennzeichnet. Wer sie nicht sah, wollte sie nicht sehen.
Erinnerung und Verantwortung
Herschel Grynszpans weiteres Schicksal bleibt ungewiss. Vermutlich starb er 1942 oder 1943. Seine Eltern überlebten im Exil, seine Schwester wurde ermordet.
Die Geschichte lehrt: Wegsehen war keine Passivität, sondern eine politische Handlung.
Gleichgültigkeit machte das Unrecht erst möglich.
Der Shoah-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel schrieb: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, sondern Gleichgültigkeit.“
Nie wieder ist jetzt.
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Wir danken Peter Illavsky und den Musiker:innen des Orchesters Wiener Kunstkommission von Herzen für den bewegenden musikalischen Rahmen. Nach der Uraufführung des Stücks „Good bye, Waltraut“ überreichte Peter Illavsky den Nachkommen von Waltraut Kovacic die handschriftliche Partitur – ein berührendes Zeugnis ihres Lebenswerks.
Waltraut Kovacic, langjährige Obfrau des Vereins Steine der Erinnerung in Liesing, verstarb 2024. Mit ihrem unermüdlichen Einsatz für Erinnerung und Begegnung hat sie Spuren hinterlassen, die noch lange wirken werden.




