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Wenn alle mitreden können: Erkenntnisse aus „Nachhaltig im Gespräch“

Wie können alle Menschen in Wien mitreden und mitgestalten, auch wenn sie wenig Zeit haben, wenig Geld, mit einer Behinderung leben, neu in Wien sind oder erst beginnen, Deutsch zu lernen?

Genau darüber haben wir bei Nachhaltig im Gespräch gesprochen, gemeinsam mit Vertreter:innen des Büros für Niederschwelligkeit, der Projektgruppe Achtsames Straßenleben und dem Achtsamen Achter, der Initiative Fremde werden Freunde, dem Fonds Soziales Wien / Inklusives Wien 2030, dem Büro für Mitwirkung, dem Grätzllabor Rudolfsheim-Fünfhaus sowie Stadtrat Jürgen Czernohorszky.

Der Abend hat gezeigt: Beteiligung funktioniert nur, wenn sie wirklich für alle möglich ist – und nicht nur für jene, die ohnehin gut zurechtkommen.

Klar und einfach sprechen – damit mehr Menschen in Wien erreichen

Wir haben gelernt, dass viele Menschen in Wien Angebote der Stadt gar nicht nutzen können, weil Informationen zu kompliziert geschrieben sind. „Niederschwellig“ bedeutet, dass etwas leicht zugänglich und ohne große Hürden zu verstehen ist.

Lisa Vlasak (Büro für Niederschwelligkeit) zeigte auf, dass ein Großteil der Bevölkerung nur ein einfaches Sprachniveau (B1) sicher beherrscht, während viele Texte der Verwaltung auf einem viel höheren Niveau liegen. Das führt dazu, dass wichtige Infos bei vielen Menschen nicht ankommen – oft unabsichtlich. Schon kleine Veränderungen helfen: statt „Workshop“ lieber „Treffen“, statt komplizierter Fachsprache lieber klare Worte, oder Fachbegriffe einfach erklären.

Barrieren abbauen – Schritt für Schritt

Karin Chladek berichtete aus der Projektgruppe „Achtsames Straßenleben“, dass in den Geschäftsstraßen der Josefstadt nur jedes fünfte Geschäft barrierefrei zugänglich ist. Ihre Gruppe setzt auf konkrete und lebensnahe Lösungen: mobile Rampen, gut sichtbare Hinweise an Türen, kleine Anpassungen im Alltag – und viel Sensibilisierung bei Betrieben und im Bezirk.

Sofia Martinsson (Fonds Soziales Wien) zeigte, dass Beteiligung für Menschen mit Behinderungen dann gut funktioniert, wenn man direkt nach ihren Bedürfnissen fragt. Menschen sind sehr unterschiedlich – daher braucht es auch vielfältige Angebote: Treffen mit Gebärdensprachdolmetsch, Formate mit Kaffee und Kuchen, digitale Möglichkeiten oder einfache Visualisierungen mit Bildern.
Sie sieht für Wien einen Zukunftsschritt darin, eine zentrale Stelle aufzubauen, die Initiativen vernetzt und Wissen bündelt – so wie es andere Städte durch Behindertenbeauftragte bereits tun.

Wencke Hertzsch (Büro für Mitwirkung) erinnerte daran, dass Barrierefreiheit auch in der Verwaltung verankert sein muss. Es geht darum, Abläufe zu hinterfragen, Informationen verständlich zu machen und mit Partnerorganisationen zusammenzuarbeiten, die nahe an den Menschen sind.

Barrierefreiheit betrifft weit mehr als Rampen. Sie umfasst auch Sprache, Orientierung, Technik, Atmosphäre und das Gefühl, willkommen zu sein.

Auch Zeit und Ort spielen eine große Rolle. Menschen in Schichtarbeit oder mit Kindern erreichen Angebote oft nur tagsüber, andere eher am Abend. Viele brauchen vor allem eines: eine freundliche Ansprache und das Gefühl, dass sie wirklich gemeint sind.

Stadtrat Jürgen Czernohorszky betonte zusätzlich, dass Wien viele Schritte setzt, um Ausschlüsse zu verringern – unter anderem mit einer Demokratiestrategie, die Beteiligung für alle einfacher machen soll.

Herzlichkeit, Offenheit und echtes Miteinander

Trotz aller Fachbegriffe, Strategien und Konzepte wurde eines besonders deutlich: Beteiligung entsteht zwischen Menschen – nicht auf dem Papier. Viele Redner:innen betonten, wie wichtig Herzlichkeit, Neugier und Humor sind. Karin Pointner (Grätzllabor Rudolfsheim-Fünfhaus) erzählte aus ihrer Arbeit, dass Beteiligung dort gelingt, wo sich Menschen sicher fühlen, wo es Raum für persönliche Begegnungen gibt und wo man miteinander lachen kann.

Ümmü-Selime Türe (Fremde werden Freunde) erzählte, wie wichtig Vertrauen ist – besonders für Menschen mit Migrationserfahrung. Angebote auf Augenhöhe, in mehreren Sprachen und mit Respekt vor der Lebensrealität der Menschen schaffen Beteiligung, die andere wirklich mitnimmt.

Gert Dressel (Achtsamer Achter) beschrieb, wie bei den Treffen des „Achtsamen Achter“ zunächst alle die Möglichkeit haben, auf persönlicher Ebene in Kontakt zu treten – erst danach wird über größere Themen gesprochen. Diese Momente des Teilens, Kochens oder Erzählens schaffen Nähe und Vertrauen.

Auch kleine Gesten wirken: ein paar Wörter in einer anderen Sprache, ein ehrliches Nachfragen, echtes Zuhören. Sie zeigen Wertschätzung – und machen Mut, sich einzubringen.

Was heißt das für Wien?

Der Abend hat gezeigt, dass Wien voller engagierter Menschen ist – in der Verwaltung, in Vereinen, in Initiativen und mitten im Grätzl. Gleichzeitig gibt es noch viele Hürden, die Menschen ausschließen, besonders jene, die wenig Zeit haben, wenig Geld, wenig Vertrauen oder schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Damit Beteiligung wirklich für alle möglich wird, braucht es:

  • klare Sprache statt Fachwörter
  • barrierefreie Orte und Abläufe
  • Vertrauen und persönliche Beziehungen
  • Angebote, die an der Lebensrealität ansetzen
  • Mut, Dinge einfacher zu machen

Oder wie es eine Teilnehmerin gesagt hat: „Wenn Beteiligung alltagsnah ist, dann machen auch Menschen mit, die sich bisher nicht angesprochen gefühlt haben.“

Wir nehmen aus diesem Abend mit, dass Beteiligung einfach, zugänglich und herzlich sein muss – und dass wir diesen Weg gemeinsam gehen können. Für ein Wien, in dem wirklich alle mitreden und mitgestalten können.

Während der Veranstaltung hat Daniela Ekl ein Graphic Recording erstellt: Die Zeichnungen stehen euch hier als Download zur Verfügung.

Hinweis: Dieser Beitrag stammt von Bürger:innen, die sich im Aktionsprogramm Grätzloase engagieren. Für die Inhalte sind die Bürger:innen daher selbst verantwortlich. 

Hinweis: Dieser Beitrag stammt von Bürger:innen, die sich im Grätzllabor engagieren. Für die Inhalte sind die Bürger:innen daher selbst verantwortlich.