Als der Regen nachließ und sich erste blaue Flecken am Himmel zeigten, startete unser Senior:innen-Spaziergang durch die Innere Stadt. Obwohl der Himmel aufklarte, blieb die Luft kühl. So schienen die Themen Hitze und Abkühlung an diesem Tag weit entfernt. Umso präsenter war das zweite große Thema unseres Spaziergangs: Barrierefreiheit.
1) Gemeinsam mit einer engagierten Gruppe aus dem Pensionist:innenklub in der Salvatorgasse gingen wir über die Fischerstiege – ein Stück Wiener Altstadtcharme – in Richtung Salzgries. Unten angekommen, begrüßte uns eine kleine, unscheinbare Fläche, windgeschützt, aber leer. Bis auf einige ungenutzte Fahrradständer und einen einsamen E-Scooter war hier nichts los. Schnell kamen Ideen auf: Sitzmöglichkeiten, Begrünung, Schattenplätze. Eine Teilnehmerin gab zu bedenken: „Was soll der arme Baum hier machen?” Eine andere beschrieb den Ort schlicht als „unmotiviert”.
2) Beim Überqueren des Salzgries sprachen wir darüber, wie sehr Details im Alter zählen: Kopfsteinpflaster erschweren das Gehen, Bordsteine stellen Hürden dar, auch öffentliche Toiletten und Sitzgelegenheiten dürfen nicht fehlen. Gerade für ältere Menschen sind solche Orte entscheidend, um Wege gut zu bewältigen und Pausen einlegen zu können. An einer Baumscheibe am Salzgries unterhielten wir uns über Begrünungsmöglichkeiten, wie dem “Garteln um`s Eck”, wo private Personen eine Baumscheibe selbst begrünen können.
3) Der Rudolfsplatz präsentierte sich als grüner, erholsamer und lebendiger Ort, an dem sich Jung und Alt begegnen. Eine Vorschulklasse zog geordnet an uns vorbei und eignete sich kurzerhand den Spielplatz an. Eine Teilnehmerin, die gleichzeitig eine leidenschaftliche Schachspielerin ist, bestätigte, dass hier auch das ein oder andere Spiel möglich wäre. Wir waren uns einig: Der Rudolfplatz ist schön, wie er ist.
4) Als wir über die Heinrichsgasse zum Concordiaplatz spazierten, gelangten wir in eine Art verkehrsberuhigte Zone mit etwas eingezäunter Begrünung, aber ohne Sitzbänke. Kaum angekommen, mussten wir einem Auto ausweichen, das in eine Tiefgarage einbog. Es blieb der Eindruck eines unentschlossenen Ortes, der Potenzial hätte, sich zu einem echten Aufenthaltsraum zu entwickeln.
5) Zum Gestade gelangten wir lediglich über Stufen, hier entstand die Idee nach mehr Schatten und mehr Sitzgelegenheiten. Mit wenig Aufwand würde sich viel erreichen lassen – gekoppelt mit einer barrierefreien Begehbarkeit dieses Platzes.
6) + 7) In der Börsegasse fanden wir Raum zur Mitgestaltung: ein Schulvorplatz, der außer zwei einsamen Bänken leer bleibt, oder eine ansonsten sehr grüne Straße, die jedoch von Autos dominiert wird. Besonders auffällig waren halb verblasste Bodenbemalungen, die an Kinderspiele erinnerten, heute aber von parkenden Fahrzeugen überdeckt waren – ein Sinnbild für gewonnene Parkflächen oder verlorene Spielflächen?
8) Der Börsepark zeigte sich lebendig: spielende Kinder, alte Bäume, Schatten. Gleich dahinter, jenseits der Umzäunung, liegt ein Bereich mit einigen Bänken, die auf die Wipplingerstraße ausgerichtet sind. Ein Würstelstand bereitete sich auf den Mittagsbetrieb vor, Menschen genossen die Sonne. Auffällig war, dass die Bänke parallel zueinander stehen und nicht zueinander gewandt. Nach der Prospect-Refuge-Theory (Appleton, 1975) verweilen Menschen dort am liebsten, wo sie einerseits Überblick haben und gleichzeitig Geborgenheit empfinden. Mit einer geänderten Anordnung der Bänke ließe sich hier leicht ein Ort schaffen, der Rückzug und Begegnung gleichermaßen ermöglicht.
Unser Fazit: Die Innere Stadt mag dicht bebaut sein, doch sie entpuppte sich als erstaunlich grün. Sie steckt voller Raumpotenziale. Mit gezielten, leicht umsetzbaren Maßnahmen, wie beispielsweise mehr Grün, Bänken und barrierefreien Gestaltungen könnte sie noch mehr zu einem Stadtteil werden, in dem Aufenthalt, Bewegung und Begegnung für alle Generationen selbstverständlich sind.
Gemeinsam gestalten – macht mit!
Der Spaziergang zeigte, dass Veränderung dort beginnt, wo Menschen hinschauen, Ideen teilen und gemeinsam denken.
Habt ihr Anregungen oder Gestaltungsideen für eure Umgebung?
Dann bringt euch ein – beim Grätzllabor Innere Stadt
Gemeinsam machen wir Wien barrierefreier, grüner und klimaresilienter – Schritt für Schritt, Platz für Platz.
Infos zum Spaziergang
Thema: Barrierefreiheit & Hitze-Hotspots
Startpunkt: Salvatorgasse, Innere Stadt
Leitung: Birgit Grosse und Cornelia Ehmayer
Organisation: Grätzllabor Innere Stadt





